Pflanzen-Neurobiologie

Können Pflanzen Schmerzen empfinden?

Können Pflanzen Schmerzen empfinden?

Pflanzen können unterschiedliche Umwelteinflüsse wahrnehmen und auf diese schnell reagieren. Aber können Pflanzen auch Schmerzen empfinden?

Pflanzen können nicht nur verschiedene Umwelteinflüsse, wie beispielsweise Licht, Wind, Temperatur, Feuchtigkeit oder Bodenstruktur wahrnehmen, sie reagieren auch schnell auf Veränderungen in ihrer Umgebung. Knabbert zum Beispiel eine Raupe an einem Blatt, produzieren manche Pflanzenarten prompt einen Stoff, der die natürlichen Fressfeinde der Raupe anlockt.

Verletzte Pflanzen reagieren auch auf Wunden. Wenn an einem Baum ein Ast abgesägt wird, bildet der Baum innerhalb weniger Stunden eine dünne Schutzschicht über der Schnittstelle. Dieser Wundverschluss ähnelt sehr dem Heilungsprozess von Menschen und Tieren.

Reaktionen auf Verletzungen sind noch kein Beweis für Schmerzempfinden

Die Reaktion auf Verletzungen beweist allerdings noch nicht, dass Pflanzen Verletzungen wie Menschen oder Tiere fühlen. Selbst unter der Annahme, dass bei der Verletzung Schmerzreize entstehen, können diese nicht auf uns bekannte Weise weitergeleitet werden. Der Grund dafür ist, dass Pflanzen weder Schmerzrezeptoren noch Nerven besitzen. Beide sind aber notwendig, um die Botschaft „Aua“ entstehen zu lassen. Die Nerven senden die Schmerzreize an das Gehirn, welche hier erst verarbeitet werden. Schmerzempfinden ist demnach eine Fähigkeit, die allen Pflanzenarten fehlt. Nach heutigem Wissensstand braucht man also kein schlechtes Gewissen beim Blumenpflücken oder Rosenschneiden zu haben.

Botaniker schlagen Alarm

Vor einiger Zeit gab es unter Botanikern eine große Aufruhr, denn die recht neue Forschungsrichtung Pflanzen-Neurobiologie verkündete, dass Pflanzen zwar kein direktes Nervensystem besitzen, aber eine unterentwickelte Art einer Nervenleitung. Die Signalübertragung findet allerdings rund tausendmal langsamer als beim Menschen statt.

Auch wenn eine Nervenleitung in Pflanzen nachgewiesen werden konnte, so fehlen ihnen immer noch Schmerzrezeptoren und ein Gehirn, welches die Schmerzimpulse umwandeln kann.

Schmerz soll uns vor Verletzungen schützen. Packen wir beispielsweise auf eine heiße Herdplatte, so signalisiert uns der Schmerz: „Nimm sofort die Hand von der heißen Herdplatte, bevor du dich unwiderruflich schädigst“. Dieses Frühwarnsystem nützt den unbeweglichen Pflanzen aber nichts. Denn welches Gras rennt schon samt Wurzeln weg, sobald eine Kuh hineinbeißt? Pflanzen können sich nicht retten. Könnten Pflanzen Schmerzen empfinden, wäre dies aus evolutionärer Sicht eine sinnlose Grausamkeit der Natur.

4 Kommentare

silda
Wäre dies aus evolutionärer Sicht eine sinnlose Grausamkeit der Natur.

Funny, seit wann genau hat die Natur irgendwelche evolutionären, ethischen Maßstäbe, so dass sie der Meinung wäre Schmerzempfinden bei Pflanzen machen wir nicht, weil das wäre grausam? :D Was ist denn das für eine Begründung?

Schmerzempfinden ist eben nicht ein reiner Schutzmechanismus sondern in erster Line ein Anzeichen dafür, dass man sich irgendwie verletzt hat.
Hans Wurst
Pflanzen können sich schon retten. Ist es über einen längeren Zeitraum heiss und es gibt zu wenig Niederschlag, sind Bäume schon in der Lage sich über die Dürre zu retten, in dem sie Blätter zusammenrollen um der grösseren Verdunstung Einhalt zu gebieten und wenn das nicht ausreicht, werfen sie ihre Blätter frühzeitig ab. Also wenn das nicht nach einem Überlebenswillen und Rettungsaktion aussieht, dann weiss ich auch nicht.
Streiffli
Einige gehen offenbar immer noch davon aus, dass es ein Gehirn ein Organ braucht um zu empfinden, zu entscheiden. Wie und wo Intelligenz entsteht wissen wir selbst beim Säugetier nicht. Ohne eine Wissenschaftlerin resp. Forscherin zu sein behaupte ich, dass ein Schmerzsystem bei den Pflanzen besteht und nützlich ist. Vielleicht setzen sie es nicht bewusst ein. Sie müssen Impulse bekommen von Verletzungen. Es ist sicher nicht das Empfinden wie wir es kennen, aber in irgend einer Form müssen Veränderungen Impulse geben. Auch das wissen wir noch nicht. Wie wenig wir eigentlich wissen....
Anabel
Das Thema ist in Bezug auf die Debatte um Veganismus interessant: Die Unterscheidung zwischen Tieren (werden nicht gegessen) und Pflanzen (werden gegessen) scheint ein Stück weit willkürlich und emotional besetzt zu sein.

Willkürlich lässt sich wohl nicht verhindern, weil wir (zumindest derzeit) keine wissenschaftlich fundiert begründete Abgrenzung finden können. Jede Aussage ist ideologisch gefärbt und somit nicht neutral. (Naja, in wie weit Wissenschaft überhaupt neutral ist, wäre nochmal ein anderes Thema.)

Emotional jedoch kann ich persönlich den Unterschied zwischen einem Kaninchen und einer Möhre nachvollziehen - den zwischen einer Heuschrecke und einer Möhre schon nicht mehr so recht. Aber eins weiß ich: Seit ich mit meinem Zimmerpflanzen spreche, gehen sie mir nicht mehr ein... soll ich denen wirklich Empfindungsfähigkeit absprechen?

Ich bin verwirrt. Schlimmer noch: Der Versuch, das moralische Empfinden immer weiter auszudehnen führt vielleicht dazu, dass es bald gar keine moralischen Normen mehr gibt. Wenn der Mensch erst einmal auf der Stufe eines Regenwurms steht, kann man ihn auch zertreten wie einen Wurm.

On the top noch ein weiterer Gedankenschlenker: Ist Schmerz überhaupt etwas Negatives? Schmerz ist etwas, das unvermeidbar zum Leben gehört. Es ist im Grunde (und etwas salopp formuliert) einfach nur ein Signal an den Körper, das da etwas wahrscheinlich Schädliches passiert und es ratsam ist, sich mal darum zu kümmern. - Bei uns Menschen kann Schmerz sogar mit Lust verbunden sein. Wir haben offenkundig ein sehr spezielles Verhältnis zum Schmerz, das sich vielleicht nirgends sonst noch in der Tierwelt finden lässt. Womöglich schießen wir also weit übers Ziel hinaus, wenn wir unsere Empfindungen über Schmerzen in ein Tier projizieren.

Trotzdem halte ich die Diskussion darüber für sinnvoll. Ich wünsche mir nur etwas mehr Offenheit für Überlegungen, die uns nicht gefallen. :-)
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