Genanalyse

Neandertaler-DNA weißt auf unbekannte Population hin

Neandertaler-DNA weißt auf unbekannte Population hin

Welchen Ursprung hat der Mensch? Die Frage nach unserer Herkunft weist meistens mit jedem neuen untersuchten Fund mehr Fragen auf, als dieser beantworten kann. Dies zeigt auch die kürzlich veröffentlichte Studie, in deren Mittelpunkt die genetische Untersuchung zweier 120.000 Jahre alten Knochenproben der menschlichen Vorfahren stand.

Leipzig (Deutschland). Auf der Suche nach unseren Wurzeln, konnte die Wissenschaft bislang unglaubliche Ergebnisse vorweisen. Doch noch immer gibt es offene Fragen, wie der Homo sapiens sapiens zu dem wurde, was er heute ist: Der moderne Mensch. Dass er aus Afrika kommt, scheint heute unbestritten. Der Neandertaler kommt aber auch aus dieser Region und dieser soll seine Wurzeln im Homo erectus haben, der wesentlich früher den afrikanischen Kontinent verlassen und sich in Europa und Asien ausgebreitet hat.

Heute "lebt" der Neandertaler - wenn überhaupt - nur noch in lediglich zwei Prozent einer jeden individuellen DNA weiter. Dabei, so kommen die Forscher des Max-Planck-Instituts in Leipzig in ihrer Forschung zu dem Ergebnis, wurde ihr Erbgut über rund 80.000 Jahre kontinuierlich weitervererbt und das entgegen der eigentlich vermuteten "turbulenten Evolutionsgeschichte des modernen Menschen", berichtet Kay Prüfer, der Leiter der Studie im Fachjournal Science Advances.

Dieser Studie zufolge weisen die beiden untersuchten Genproben, der vor 120.000 Jahren lebenden "Probanden" eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Neandertalern auf, die in der gleichen Region lebten (Deutschland, Belgien), aber dies gute 80.000 Jahre später. Dieser Befund ist schon eine Sensation an sich; aber noch nicht alles. Denn als die beiden Genproben mit altersgleichen Genproben von Funden aus Sibirien verglichen wurden, stellte man fest, dass geringere Ähnlichkeiten bestanden. Unsere Vorfahren, die also vor 120.000 Jahren zum einen in Deutschland und Belgien und zum anderen in Silieren gelebt haben, sind somit weniger "verwandt" als die deutschen und belgischen Vorfahren mit ihren rund 80.000 Jahren später geborenen Nachfahren.

Schlussfolgernd kommen die Forscher zu neuen Fragen und potentiellen Vermutungen. Demnach könnten die europäischen Neandertaler in ihrer Evolution u.a. auch mit einer "größeren Population aus Afrika" in Kontakt gekommen sein, so der Untersuchungsleiter Stéphane Peyrégne. Vielleicht mit Homo sapiens sapiens? Eine weniger waghalsige Vermutung ist hingegen, dass es sich bei der anderen Kontaktgruppe lediglich um einen weiteren, noch unbekannten und nicht entdeckten Neandertaler-Stamm handelt.

Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.aaw5873

1 Kommentar

Leser
Ich denke die Altai-Neandertaler sind nur deswegen so präsent weil die x-Haplogruppe U mit ihren vielen Verzweigungen (und ihren Neandertaler-Anteil) so einflussreich in Eurasien ist und das sowohl in der Indoiranischen als auch in der Indogermanischen Bevölkerung Eurasiens. Ansonsten ist es wohl keine besonders ansprechende Umgebung und fernab großer Kultur-Hotspots wo sich Menschen bevorzugt ansiedelten. Der einzige Vorteil ist vielleicht die Unberührtheit die es erlaubt aussergewöhnliche Funde zu machen. Ich könnte mir gut vorstellen das in China auch antike Knochen jahrhundertelang zu chinesischer Medizin verarbeitet wurden, was die Fundleere z.b. in Bezug auf den Denisova erklären könnte.
Viel interessanter ist das Ergebnis das die europäische Neandertal-Population eine derart lange Kontinuität aufweist. Das könnte dann auch für die Homo Sapiens in Europa gelten, die ja seit knapp 50.000 Jahren kontinuierlich in Europa lebten und deren zweite Welle sich wohl kurz nach dem glazialen Maximum als Magdalenien-Federmesser-Kultur vor ca. 18.000 Jahren ausbreitete. Bis zur nächsten Besiedlung durch die Ausbreitung der Landwirtschaft im 7. Jahrtausend sind es dann wieder 10.000 Jahre. Das sind relativ lange Zeiträume mit einer relativ dünnen Bevölkerung. Eine erst kürzlich veröffentliche Bevölkerungsrückrechnung kam auf nur max. 3600 gleichzeitig lebenden Menschen in den letzten 30.000 Jahren. Das entspricht vielleicht 400 Hütten. Durchaus möglich das die eine oder andere Fundstelle da von der selben Gruppe saisonal besucht wurde.

Auch das dieser rund 120.000 Jahre alte Neandertaler Einblicke in eine vermutlich ältere DNA gibt, deren Ursprung zum jetzigen Zeitpunkt unbekannt ist, finde ich sensationell. Rein technisch hatte ja Europa über Karthago-Malta-Sizilien noch eine zweite Landbrücke nach Afrika über die möglicherweise Kontakte zu jener 200.000 Jahre alten Nordwestafrikanischen Homo Sapiens Population aus Marokko/Tunesien existiert haben könnten. Es wäre doch sehr ungewöhnlich, wenn sie diese Landbrücke nicht benutzt hätten. Die Theorie erscheint plausibel, zumal ja in der Haplogruppe A eine extrem alte Subgruppe existiert, die damit in Zusammenhang stehen könnte. Man wird abwarten müssen was die Archäogenetiker noch so entdecken.
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