Verlangsamtes Denken

Ein Algen-Virus macht Menschen nachweislich dümmer

Ein Algen-Virus macht Menschen nachweislich dümmer

Ohne es zu wissen, tragen viele Menschen den Algen-Virus ATCV-1 in sich. Nachweislich verlangsamt der Virus das Denken. Vielen an ATCV-1 ist den Forschern aber noch rätselhaft.

Lincoln (U.S.A.). Ein Wissenschaftlerteam von der John Hopkins Medical School an der Universität Nebraska hat ein Virus entdeckt, der die kognitiven Funktionen des menschlichen Gehirns beeinträchtigen kann. Anders gesagt: Der Virus macht Menschen dümmer. Die Wissenschaftler sind laut eigenen Aussagen eher durch Zufall auf die Fähigkeit der Viren gekommen. Sie untersuchten eigentlich Mikroben im menschlichen Rachen und fanden dort bei gesunden Probanden DNA, die mit dem Erbgut des Chlorovirus namens ATCV-1 identisch ist.

Der Virus ist im Normalfall in Süßwasserseen und Teichen zu finden und befällt dort Grünalgen. Die Wissenschaftler waren bisher davon ausgegangen, dass der Virus für den Menschen ungefährlich ist, doch genauere Untersuchungen zeigten etwas ganz anderes. Demnach besitzt der Virus ATCV-1 die Fähigkeit gewisse Gehirnfunktionen zu beeinflussen. Erste Tests ergaben, dass der Virus beispielsweise die Aufmerksamkeitsspanne negativ beeinflusst. Zudem haben die Wissenschaftler festgestellt, dass auch die räumliche Wahrnehmung durch den Virus manipuliert wird und Denkprozesse langsamer ablaufen als bei gesunden Menschen.

Bei Tieren sind bereits einige Mikroorganismen bekannt, welche das Verhalten der infizierten Tiere beeinflussen. Es ist jedoch das erste Mal, dass Wissenschaftler an Mikroorganismen die Fähigkeit zur direkten Veränderung der menschlichen Physiologie ohne eine Beeinträchtigung des Immunsystems feststellen konnten. Da bei den Infizierten keine offensichtliche Krankheit ausbricht, bleibt die Infektion also zunächst unbemerkt. Wie der Virus ATCV-1 den Menschen befallen kann, ist zur Zeit jedoch noch unklar. Einfaches Schwimmen im See ist aber offenbar nicht für eine Infektion verantwortlich.

In ihrer Studie haben die Wissenschaftler die Rachenräume von 92 gesunden Teilnehmern untersucht. Dabei wiesen sie bei 44 Prozent den Algen-Virus ATCV-1 nach. Bei anschließenden Versuchen zur Messung von Präzisionsleistung und der Geschwindigkeit visueller Reizverarbeitung im Gehirn erreichten die mit dem Virus infizierten Probanden im Schnitt einen sieben bis neun Punkte niedrigeren Wert als die Nicht-infizierten.

Mäuse irren verwirrt durchs Labyrinth

Nach dieser Erkenntnis wurden entsprechende Versuche mit Mäusen gemacht. Tiere, welche den Virus ATCV-1 in sich trugen, hatten erhebliche Schwierigkeiten einen Weg durch ein Labyrinth zu finden. Ihre gesunden Artgenossen hatten bei dem selben Versuch keine Schwierigkeiten den richtigen Weg zu finden. Zudem richteten die infizierten Mäuse ihre Aufmerksamkeit weniger stark auf neue Objekte und bemerkten neue Eingänge im Labyrinth seltener.

Die Wissenschaftler erklären, dass es dem Virus gelungen sei, im Gehirn der Mäuse Prozesse der Erinnerungsbildung und des Lernens zu manipulieren. Zudem nimmt der Virus Einfluss auf das Immunsystem der Mäuse. "Das Beispiel zeigt eindrücklich, dass die Mikroorganismen, die wir in uns tragen, Verhalten und Denkvermögen beeinflussen können", so Versuchsleiter Dr. Robert Yolken. "In Zukunft könnten neue Erkenntnisse medizinisch genutzt werden, um beispielsweise das Denkvermögen zu steigern."

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