Frühwarnindikatoren

Veränderungen des Gehirns zeigen Suizidrisiko

Hirnregionen sind bei suizidalen Personen anders verknüpft

Personen, die an Selbstmord denken oder bereits einen Suizidversuch begangen haben, besitzen im Vergleich zu gesunden Menschen unterschiedliche Verknüpfungen im Gehirn. In Zukunft könnte dies als Frühwarnindikatoren dienen und so Selbstmorde verhindern. 

Chicago (U.S.A.). Laut Daten des Statistischen Bundesamts (Destatis) haben im Jahr 2017 in Deutschland 9.235 Menschen Suizid begangen. Dies sind mehr Todesfälle als durch Aids, Mord, Drogenmissbrauch oder Verkehrsunfälle. Zu den Hauptursachen zählen Depressionen und andere affektive Störungen aber auch bestimmte Medikamente, deren Nebenwirkungen laut einer Metastudie das Suizidrisiko steigen lassen.

Aus Sicht der Medizin ist es dabei besonders problematisch, dass Alarmsignale, die auf einen drohenden Suizid hindeuten, oft nur schwer erkannt werden können. Ein rechtzeitiges Einschreiten ist deshalb auch für erfahrene Ärzte oft nicht möglich.

Neuronen als Frühwarnsignale für steigendes Suizidrisiko

Laut Scott Langenecker, Co-Autor der im Fachmagazin Psychological Medicine veröffentlichten Studie gibt es „aktuell nur wenige Möglichkeiten, Individuen mit einem erhöhten Risiko für suizidales Verhalten zu identifizieren.“ Die Risikoabschätzung ist daher aktuell fast nur von Eigeneinschätzung des Patienten und der Meinung des behandelnden Arztes abhängig.

Die Wissenschaftler der University of Illinois in Chicago haben aus diesem Grund untersucht, ob es eine Möglichkeit gibt, das Selbstmordrisiko zuverlässiger erkennen zu können. Als Forschungsansatz orientierten sich die Forscher an Neuronen wie dem Salienz-Netzwerk, von denen bereits bekannt war, dass diese bei Personen mit Depressionen Auffälligkeiten zeigen.

Gehirn von 212 Probanden untersucht

Um eventuell im Gehirn vorhandene Veränderungen, die auf ein erhöhtes Suizidrisiko hindeuten zu erkennen, haben die Wissenschaftler das Gehirn von 212 jungen Erwachsenen mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) untersucht. 18 der Probanden hatten eine affektive Störung, die in der Vergangenheit bereits zu einem Selbstmordversuch geführt hat. 60 Probanden gaben an mit Selbstmordgedanken gespielt zu haben, ohne dass dies zu einem Versuch geführt hat. Die übrigen Probanden waren bei bester Gesundheit und dienten als Kontrollgruppe.

Außerdem ist anzumerken, dass die kranken Probanden sich während der Studie alle in der Remissionsphase befanden und es ihnen deshalb relativ gut ging. Untersucht wurden mit dem fMRT Hirnregionen der Probanden, die in einem entspannten Ruhezustand aktiv waren. Der Fokus der Wissenschaftler lag dabei auf den Verbindungen dieser Regionen mit den bereits bekannten Neuronen. Laut Jonathan Stange, Autor der Studie „war dies eine der ersten Studien, die versuchte, die neuronalen Mechanismen hinter dem Selbstmordrisiko zu verstehen.“

Hirnregionen bei suizidalen Personen weniger verknüpft

Es zeigte sich dabei, dass bei Menschen mit einem vorherigen Suizidversuch Verknüpfungen innerhalb des kognitiven Kontrollnetzwerks, das unter anderem die Problemlösung und Impulsivität steuert, weniger stark vorhanden sind. Außerdem sind auch Verknüpfungen dieser Hirnregion zu anderen Netzwerken wie dem Default-Mode-Netzwerk weniger stark ausgebildet. Auch die Probandengruppe mit Suizidgedanken zeigte ähnliche Veränderungen des Gehirns.

Die Wissenschaftler konstatieren, dass „die Ergebnisse zeigen, dass Patienten mit affektiven Störungen und einer Vorgeschichte suizidalen Verhaltens charakteristische Muster der Netzwerk-Verknüpfung aufweisen.“

Selbstmordgefahr frühzeitig erkennen

Laut den Studienautoren können die Erkenntnisse in Zukunft dabei helfen Suizid gefährdete Patienten frühzeitig zu erkennen und besser zu behandeln. Laut Stange könnte es sogar möglich sein, das „Selbstmordrisiko zu verringern, wenn die Wissenschaft einen Weg findet, die Verknüpfung innerhalb dieser Netzwerke zu verbessern.“ Um die Erkenntnisse weiter zu vertiefen soll eine deutlich größere Studie mit mehr Probanden mit zurückliegendem Selbstmordversuch folgen, die über einen längeren Zeitraum beobachtet werden.

Das Ziel der Wissenschaftler ist es dabei eine Möglichkeit zu finden, die es erlaubt anhand des Gehirnzustands akute suizidale Phase zu erkennen. Wie Stange erklärt, „geht es schlussendlich darum, diese Informationen zu nutzen, um Selbstmorde zu verhindern.“

Psychological Medicine, doi: 10.1017/S0033291719002356

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