Fairnessanspruch

Fairtrade-Einnahmen helfen armen Landarbeitern kaum

Landarbeiter eines Fairtrade-Betriebs

Fairtrade-Produkte helfen nicht der gesamten Lieferkette, da die Mehreinnahmen fast komplett von den Bauern einbehalten werden. Aufgrund mangelnder Kontrollmöglichkeiten erhalten die armen Landarbeiter trotz des Fairnessanspruchs keine höheren Löhne.

Göttingen (Deutschland). Wissenschaftler der Universität Göttingen haben untersucht ob Fairtrade-Produkte, die aufgrund ihrer höheren Einzelhandelspreise Bauern und armen Landarbeitern in Entwicklungsländer ein angemessenes Einkommen ermöglichen sollen, tatsächlich die Lebensbedingungen dieser Menschen verbessern. Dazu wurde exemplarisch die Situation von Kakao-Kooperativen der Elfenbeinküste untersucht.

Der kleine afrikanische Staat beheimatet 23,7 Millionen Menschen und ist der weltweit größte Kakaoproduzent. Laut verschiedenen Menschenrechtsorganisationen sollen 2010 etwa 12.000 Kinder als Sklavenarbeiter auf den Plantagen beschäftigt worden sein. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner lag 2016 nominal bei nur 1.459 US-Dollar. Damit ist die Elfenbeinküste einer der ärmsten Staaten der Erde.

Fairtrade Studien fokussierten sich auf Bauern

Vorherige Studien, die die Auswirkungen des Fairtrade-Systems untersucht hatten, kamen zu positiven Ergebnissen, betrachteten aber ausschließlich die Situation der Bauern. Ein Großteil der Kakaoproduktion erfolgt jedoch durch Landarbeiter ohne, bei denen bisher unklar war, ob auch ihre Lebenssituation durch Fairtrade verbessert wird.

Die nun im Fachmagazin Nature Sustainability veröffentlichte Studie betrachtet die Gesamtsituation, also sowohl die der Bauern, die die Betriebe besitzen als auch die ihrer Landarbeiter. Bei den untersuchten Genossenschaftsbetrieben waren 50 Prozent Fairtrade zertifiziert, die andere Hälfte hatte kein Zertifikat, um so vergleichen zu können, wie sich die Arbeitsbedingungen und die finanzielle Situation zwischen den Betrieben unterscheidet. Insgesamt wurden für die Studie Daten von 50 Genossenschaften analysiert, an denen 1.000 einzelne Bauern beteiligt sind, die wiederum eine Vielzahl von Landarbeitern beschäftigen.

Fairtrade Einnahmen kommen bei einfachen Arbeitern nicht an

Laut den Studienergebnissen „steigen die Löhne der Genossenschaftsmitglieder durch eine Fairtrade-Zertifizierung.“ Kleinbauern, können durch die Teilnahme an einer Kooperative also tatsächlich der Armut entkommen. Dies gilt jedoch nicht für ihre Landarbeiter, bei denen es praktisch keine Unterschiede zwischen Fairtrade- und herkömmlichen Betrieben gab.

Ursächlich dafür sind laut den Wissenschaftlern „die traditionellen Zahlungsmodalitäten der Kleinbauern“, die es ihnen ermöglichen den Lohn der Landarbeiter auf einem niedrigen Niveau zu halten und so die durch Fairtrade erzielten Mehreinnahmen selbst zu behalten anstatt diese wie eigentlich angedacht innerhalb des Betriebs aufzuteilen. Außerdem sind mangelnde Kontrollen ausschlaggebend für die weiterhin schlechte Situation der Arbeiter.

Wie Eva-Marie Meemken erklärt „werden Fairtrade-Zertifikate auf Genossenschaftsebene regelmäßig kontrolliert“, bei den zahlreichen Kleinbauern erfolgen diese Kontrollen aufgrund des enormen Aufwands aber praktisch nicht. Eine Einhaltung der Fairtrade Versprechen kann so in der Praxis nicht erzwungen werden, sondern muss freiwillig durch die Bauern erfolgen.

Die Studienautoren schlussfolgern aus ihren Ergebnissen daher „dass die Annahme, dass Fairtrade Produkte allen Beteiligen innerhalb der Lieferkette Vorteile bringen“ beim derzeitigen Stand des Systems ein Trugschluss ist. Um den Fairnessanspruch umzusetzen sind daher laut Meemken „bessere Lösungen“ nötig, die alle Beteiligten an den zusätzliche Einnahmen profitieren lassen.

Nature Sustainability, doi: 10.1038/s41893-019-0311-5

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